Tag des Kindes

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Vjatscheslav Pleskatsch

Vjatscheslav Pleskatsch war Ansprechpartner für die Auslandskontakte der belarussischen Blindengesellschaft und damit von Anfang an für die Zusammenarbeit mit der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V. zuständig – bis es einen Wechsel in der Leitung der Blindengesellschaft gab (darüber wird im Nachruf berichtet). Die Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V. fand mit „Hoffnung für die Zukunft“ und dem Leiter Michail Kaslowski einen angemessenen Nachfolger, bis sich die Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt 2012 nach 20 Jahren (3 Jahre im Rahmen der Ev. Jugend und 17. Jahre als Verein) aufgelöst hat.

Vjatscheslav Pleskatsch war mehrmals als verantwortlicher Ansprechpartner und Gruppenleiter zur Begleitung der vier- wöchigen Kindererholungsmaßnahmen der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V.  (über Spenden, Zuwendungen und Mitgliederbeiträge finanziert) in Deutschland.

 Im April 2001 wurde Vjatscheslav Pleskatsch (zusammen mit Dr. Mikhail Malko) im Rahmen der Jahreshauptversammlung der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt zum Ehrenmitglied ernannt.

Vjatscheslav Pleskatsch hat in der Anfangszeit der humanitären Hilfe einige Hilfstransporte mit Fahrzeugen der Blindengesellschaft begleitet. So wurde u.a. mit großem Aufwand ein Röntgengerät einer aufgelösten Arztpraxis in Schöppenstedt, vornehmlich aber Kleidung und Spielzeug, abgeholt.

Im Zusammenhang mit der Abholung von Hilfsgüter war Vjatscheslav Pleskatsch zusammen mit seiner Tochter Elena im Oktober 1996 etwas länger in unserer Region. Er berichtete im Rahmen einer Seniorenkreis-Leiter-Fortbildung und bei Gesprächen mit der Männerarbeit über die Sozialarbeit in Belarus.

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Folgende Begrüßungsrede von Vjatscheslav Pleskatsch anlässlich der Erholung für strahlengeschädigte Kinder aus Belarus im Falkenheim (im Haus Freundschaft, Groß Denkte/ Landkreis Wolfenbüttel) im Jahr 1996 fand ich im Archiv der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V.

 In dieser Begrüßungsrede und dem Nachruf im zweiten Teil wird sehr viel deutlich über die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe für Belarus, der Zusammenarbeit mit der Blindengesellschaft und vor allem mit Vjatscheslav Pleskatsch und Dr. Mikhail Malko (über letzteren hoffe ich in einem sep. Artikel berichten zu können).

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Lieber Paul und Irene Koch!  Liebe Mitglieder der Tschernobyl-Initiative! Liebe deutsche Freunde!

Im Namen der Eltern, deren Kinder nach Deutschland gekommen sind, möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen dafür bedanken, dass die Kinder jetzt die Möglichkeit haben, sich im Falkenheim zu erholen. Feste Freundschaft und gegenseitige Verständigung verbinden uns seit 6 Jahren. Mit Ihrer Hilfe sind Kinder der belarussischen Blindengesellschaft zum dritten Mal nach Deutschland gekommen. Dieses Mal sind es Kinder im Alter von 11 bis 15 Jahre. Sie sind aus Mogilew, Gomel, Mosyr und Minsk gekommen. Das sind Regionen, die von der Tschernobyl-Katastrophe stark betroffen sind. Die Eltern der Kinder sind Mitarbeiter der belarussischen Blindengesellschaft.

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Es ist sehr symbolisch, dass wir gerade an diesem Tag nach Deutschland gekommen sind, da bei uns die Sommerferien beginnen. Und es gibt noch ein Fest an diesem Tag. Der 1. Juni ist der Tag des Kindes. Es ist sehr angenehm, alle Ihre Sorgen um uns gerade an diesem Tag zu erleben.

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Heute leben in den Regionen Weißrusslands, wo die Radioaktivität 15 Curie pro km² beträgt, mehr als 6.000 Kinder mit ihren Familien. In den Regionen mit einer Verstrahlung von 5 – 15 Curie leben 75.000 Kinder. Dort wo die Verseuchung von 1 – 5 Curie pro km² beträgt leben 340.000 Kinder.

Es entstehen Probleme mit der Kindererholung in Belarus, weil sich viele Erholungsheime jetzt in den Gebieten befinden, die von der Tschernobyl-Katastrophe betroffen sind.

80 % der radioaktiven Teilchen, die durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl freigesetzt wurden, sind mit dem Regen über Weißrussland niedergegangen. Die Wälder Weißrusslands sind radioaktiv verseucht. Sehr stark sind folgende Regionen Weißrusslands von dieser Katastrophe betroffen: Das Gomel-Gebiet ist zu 67,4 % verstrahlt. Das Mogilew-Gebiet ist zu 49,1 %, das Brest-Gebiet zu 12 % und das Minsker Gebiet zu 10 %. verstrahlt.

Es werden verschiedene Maßnahmen in Weißrussland getroffen, die mit der Kindererholung verbunden sind. In diesem Jahr haben die Kinder die Möglichkeit sich in 59 Erholungsheimen zu erholen, die über 14400 Plätze verfügen. Es gibt auch Sanatorien für Erwachsene. Aber sie reichen nicht aus. In diesem Fall leistet uns Deutschland eine große Hilfe, und zwar die Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V.  Wir bedanken uns bei allen Mitgliedern der Tschernobyl-Initiative dafür.

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Aber wir befassen uns nicht nur mit Kindererholung. Unser Land ist heute in eine tiefe Krise geraten. Die Tschernobyl-Initiative hat in diesem Jahr für die belarussische Blindengesellschaft zwei Hilfstransporte geliefert. Das kostete ca. 25.000,00 DM. Schon 6 Jahre lang finden in der Umgebung von Braunschweig  die Konzerte vom Chor „Cantus“ (dem Chor mit Blinden und Sehbehinderten Menschen) statt. Die deutschen Familien, bei denen die „Tschernobyl-Kinder“ untergebracht waren, konnten auch – durch eine Einladung der belarussischen Blindengesellschaft – Weißrussland besuchen.

Unbenannt-26 Vjatscheslav Pleskatsch im Gespräch mit dem damaligen Landrat/ Landkreis Wolfenbüttel.   (Alle Fotos zu dem „Begrüßungs-Beitrag“ aus der Kindere3rholungsmaßnahme 1998)

Abschließend möchte ich sagen, dass ich fest überzeugt bin, die Kinder werden viel Informationen über Deutschland bekommen, Land und Leute kennenlernen, Schulen besuchen und gut nach Hause kommen.

Vjatscheslav Pleskatsch

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Vjatscheslav Pleskatsch ist leider viel zu früh und ganz überraschend gestorben. Hier der damalige Nachruf, der die deutsch-belarussische Zusammenarbeit und Freundschaft beschreibt:

Zur Erinnerung an Vjatscheslav Pleskatsch

Ich erinnere mich noch gut an das erstes Zusammentreffen von mir, Paul Koch, damals Vorsitzender der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V., und Vjatscheslav Pleskatsch, damals Reiseleiter für den Chor Cantus, den wir zu einer Konzerttournee in unsere niedersächsische Region eingeladen hatten. Wir trafen uns auf einen Parkplatz in Schöningen, weil der Busfahrer Schöppenstedt nicht fand. Obwohl wir vorher noch nichts voneinander wussten, war diese erste Begegnung geprägt von gegenseitiger Hochachtung und Freundlichkeit. Diese gegenseitige Hochachtung und Freundlichkeit zog sich wie ein roter Faden durch all unsere Begegnungen. Vjatscheslav Pleskatsch war nicht nur Reiseleiter vom Chor Cantus, sondern insgesamt unser Ansprechpartner für die belarussische Blindengesellschaft, mit der wir über 10 Jahre gute Kontakte pflegten. Humanitäre Hilfe, Kindererholung in Deutschland, Mutter und Kind-Kuren in Podjelniki und Fahrten der Tschernobyl-Initiative nach Belarus. Vjatscheslav war uns stets ein korrekter und aufmerksamer Ansprechpartner und Begleiter.

Von außen hatte ich wenig Einblick in die Struktur und Hierarchie der Blindengesellschaft, aber ich hatte manchmal den Eindruck, dass die von mir so hochgeschätzte Korrektheit von Vjatscheslav in der Blindengesellschaft nicht immer auf Verständnis stieß. Er hat sich aber nie bei mir beklagt oder gar schlecht über irgendjemanden in der Blindengesellschaft gesprochen. Bei einem Besuch in Deutschland mit einer Gruppe von Funktionären der Blindengesellschaft bekam ich dann aus nächster Nähe mit, wie Vjatscheslav unbegründet eines Fehlers bezichtigt wurde. Auch meine Intervention bewirkte nichts. Dieser Funktionär lies sich in seiner falschen Meinung nicht abbringen und macht Vjatscheslav das Leben schwer. Vjatscheslav ertrug dies und lies sich seine Überzeugung und Korrektheit nicht nehmen. Das Verhältnis zur Blindengesellschaft wurde zum Schluss auch für uns schwierig – was dann zur Trennung führte. Vjatscheslav hat dies sehr bedauert, aber er hatte Verständnis für unsere Entscheidung weil er die berechtigten Gründe dazu kannte.

Die Freundschaft zu Vjatscheslav und seiner Familie blieb bis zum Tod von Vjtscheslav bestehen und lebt in der Freundschaft zur Familie Pleskatsch weiter. Ich, Irene und meine Familie werden Vjatscheslav immer in guter Erinnerung behalten.

In die Freundschaft zur Familie Pleskatsch ist auch die Freundschaft zu Familie Malko eingeschlossen. Wie oft saßen wir (Irene und ich) bei unseren Besuchen in Belarus entweder bei Familie Pleskatsch oder bei Familie Malko zusammen. Immer waren dann die drei Familien (Plesktasch, Malko, Koch) in Freundschaft und Freundlichkeit zusammen. Es war für mich eine große Freude Vjatscheslav und Galina Pleskatsch, Mikhail und Raya Malko und weitere belarussische Freunde zu meinem 60. Geburtstag in Deutschland begrüßen zu können. Zu meinem 65. Geburtstag im September 2013 waren die belarussischen Freunde wieder bei mir – leider war zu diesem Zeitpunkt Galina ohne Vjatscheslav und in großer Trauer gekommen

Nun, an einem Tag wie heute denken wir besonders intensiv an Vjatscheslav. Wir denken aber auch an Galina Pleskatsch und an ihre Familie und Freunde. Wir wünschen Kraft mit der schwierigen Situation ohne Ehemann, Vater und Freund. Dennoch, das Leben geht weiter und so ist jeder Tod ein Hinweis und Aufruf zum Leben, so wie es in der Bibel heißt:

„Herr lehre uns bedenken dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden und leben.“ Psalm 90, 12                         

Diakon i.R. Paul Koch; Watzum, Niedersachsen; 2. April 2013

Im Folgenden Fotos von mehreren Kindererholungsmaßnahmen in Deutschland mit Beteiligung von Vjatscheslav Pleskatch.

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N.S.

Aus den zur Verfügung gestellten Texten suche ich mir immer eine passende Überschrift – die sich aus dem >Text ergibt – aus. In diesem Falle: „Tag des Kindes“.

Der „Tag des Kindes“ ist nicht nur eine Wert-schätzung der Kinder und unserer Zukunft, sondern eine grundsätzliche Wertschätzung des Lebens überhaupt.

Es prallen Welten aufeinander, wenn man die Berichte in diesem Blog liest und zur Kenntnis nehmen muss, dass die IAEO davon spricht, dass die Atomenergie-Wirtschaft einmal Tschernobyl pro Jahr verkraften würde. Welche Ignoranz dem Leben und der Kinder und der nachfolgenden Generationen gegenüber.

Wer wagt es, die IAEO zu entlarven als einen reinen Lobbyisten-Verein für die Atom-Industrie? Wer wagt es, sich für die Zukunft des Lebens einzusetzen?

Warum ist es für die Medien einfacher der IEAO, anstatt dem gesunden Menschen-verstand, zu glauben?

 

 

 

 

 

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„Gefangene“ der Onkologie

Anatol Kljashtchuk  Anatol Kljaschtschuk

Anatol Kljaschtschuk war Teilnehmer zahlreicher Fotoausstellungen und Wettbewerbe. Besonders effizient ist seine Mitwirkung an  Projekten über die Auswirkungen der Tschernobylkatastrophe. Seine Sicht des Tschernobylthemas hat er in zahlreichen Fotos zum Ausdruck gebracht.Diese Fotoreportagen sind so aussagekräftig,  dass sie im UNO-Gebäude in NewYork (2001), im Palast der Leage der Nationen in Genf (2003), im Europarlament in Brüssel (2001), bei den Ausstellungen  „Europressefoto“   in Vilnius (1997), in Istambul (1998)  ausgestellt  wurden. Seine Fotos wurden in zahlreichen Ausstellungen von belarussischen Fotografen, sowie auch als  persönliche Ausstellungen neben Belarus in Belgien (2001), Dänemark (1994), Deutschland ( 1995,1997, 1998, 1999, 2000), Irland (1996), Japan (1995), Kanada (1994), Litauen (1997, 2002),Österreich (2000), Polen (1998), Russland (2001, 2002), in der Schweiz  (2003), in den USA ( 1991, 1994, 1996, 2001).
Anatoli Kljaschtschuk ist der  einzige Autor des Bildbandes „Unter dem Himmel von Belarus“, der als beste Ausgabe des Jahres 2003 genannt wurde.

Text und Fotos in diesem Beitrag wurden (fast ausschließlich) von Anatol Kljaschtschuk  für diesen Bericht zur Verfügung gestellt. Weitere Verwendung von Text  und Fotos nur nach Absprache mit Anatol Kljaschtschuk über Paul Koch (paul.koch47@gmx.de)

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Anatol Kljaschtschuk war Ehrenmitglied in der „TschernobylInitiative in der Propstei Schöppen-stedt e.V.“ (der Verein wurde 1994 gegründet und 2012 aufgelöst). In dieser Zeit hat er die Vereinsarbeit mit mehreren Ausstellungen zu den Themen „Tschernobyl“, „Schönheit Weißrusslands“ und „Tschernobyl-Kinder“ unterstützt.

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April 2006 - Braunschweig Ausstellung mit Michail Kaslowski-minsk  April 2006 - Braunschweig Ausstellung mit Dolmetscherin

IMG_9075 Ausstellung in Denkte 2011  5 Fotos von Paul Koch

 

Die folgenden zwei Beiträge waren Beiträge von Anatol Kljaschtschuk zu den jeweiligen Ausstellungen.
Beitrag I

„Mein Gott, warum leidet mein Kind?…“ Dies fragen weißrussische Mütter angesichts ihrer glatzköpfigen Söhne und Töchter. Sie bitten um Schutz und Rettung. In Gebeten –feste umarmend und zärtlich küssend… –   fragen die Augen der Mütter „Wofür tragen unsere Kinder dieses unerträgliche Kreuz?“. Sie stellen sich viele Fragen, auf die sie nur eine Antwort finden: „zum Tode verurteilt“. Ihre Kinder tröstend, gehen sie mit ihnen zusammen diesen dornigen Weg. Aber wer gibt den Müttern selbst Trost, den Mütter, die sich an die Hoffnung klammern, egal wie schwach sie ist, wer gibt ihnen Kraft zu kämpfen und mit diesen unheilbaren Wunden weiterzuleben?… In Weißrussland gab es noch nie so viele unglückliche Mütter wie in diesen Jahren nach Tschernobyl. In den Krankenzimmern dauert der unerklärte Krieg an. Vielleicht ist das das unsichtbare Gesicht unserer Tragödie? Zwanzig Jahre sind schon nach der Explosion auf dem Tschernobyl Atomkraftwerk vergangen, aber die Angst verlässt uns noch immer nicht, egal wie sehr wir uns bemühen die Vergangenheit zu vergessen… Die Zahl der Kinder mit unheilbaren Erkrankungen wird nicht weniger und niemand weiß, wessen Sohn oder Tochter das nächste Opfer sein wird…

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Die alte „Krebsstation“ mit den minderjährigen Patienten, in die ich gekommen bin, um erste Fotos zu machen, wird wahrscheinlich niemals aus meinem Gedächtnis zu löschen sein. Dort gab es so viel Trauer, Leere, Mitleid! … Verbände auf den von Hormonen geschwollenen Kindergesichtern, hinter denen man nicht mehr erkennen konnte, ob es ein Mädchen oder ein Junge war. Verurteilt zur tragischen Fortsetzung des Lebens, waren sie in Erwartung von irgendwas: einer weiteren Reihe der Chemotherapie, der nächsten Laboruntersuchung, der nächsten Operation. Und überall … Fiebermesser, Nachttöpfe, Watte, Blutgefäße für Transfusionen… Rollstühle und fahrbare Krankenbahren, die auf ihre nächste „Passagiere“ warteten. Puppen auf den Kanten der Nachttischchen. Und Ikonen mit Heiligen… auf den Kissen, Fensterbänken, überall… Untröstliches Weinen eines Kindes im Behandlungszimmer. Unerträgliche Stille im Reanimationszimmer, wo eben gerade der, mit Morphium beruhigte, nächste „Weggehende“ eingeschlafen ist. An den Kopfseiten der Betten beugten sich nachdenklich, wie im Gebet, die Ärzte. Traurige und müde Gesichter der noch ganz jungen Mütter über die Ruhe ihrer, mit Schläuchen am Tropf gefesselten, Kleinen wachend. Ich fühlte mich hier völlig hilflos. Und schuldig schon alleine dafür, dass ich keine passenden Worte des Trostes finden konnte. Mitleid und ein Protestgefühl führten mich immer wieder hierher. Ich verstand, dass ich kein Recht habe darüber zu schweigen.

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Das Tschernobylerbe wurde für Weißrussland mit einer Bevölkerung von zehn Millionen Menschen zu einer schweren Last. Ein Sechstel des Landesterritoriums, durch Radionuklide verseucht, ist zu einer Quelle höchster Gefahr geworden. Leider sprach man erst wesentlich spät darüber, als finstere Prophezeiungen von Ärzten und Wissenschaftlern in Erfüllung gingen. Lange wurden Schilddrüsenkrebs-kranke in dem Land, das 70% des radioaktiven Niederschlags des explodierten Reaktors abbekam, nicht als Tschernobylopfer anerkannt, ebenso wie verstrahlte Kinder, die nach der Katastrophe geboren wurden. Der Tschernobylfaktor wurde bewusst nicht berücksichtigt. Und junge sterbende Liquidatoren haben wahre Gründe für ihre Erkrankungen nie erfahren dürfen. Die tatsächliche Lage des Gesundheits-zustandes der Bevölkerung wurde stur verschwiegen. Und davon, dass zunehmende Erkrankungen des Immunsystems, Chromosomstörungen, angeborene Fehler, Funktionsstörungen der Leber und der Verdauungsorgane, Seh-störungen, Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats und des Nervensystems, sowie auch Leukämie und andere Erkrankungen direkt mit den Langzeitfolgen der Radioaktivität verbunden seien, konnte nicht mal die Rede sein.

Aber medizinische Einrichtungen waren überfüllt, und vor allem dort, wo Krebs und Leukämie untersucht wurden. Erst jetzt haben wir, einigermaßen aufgeklärte Menschen, haben keine Angst mehr die negative Auswirkung der Radioaktivität auf die Gesundheit besonders zu betonen. Damals redete man uns zu, dass keine Gefahr existiere und man keine Panik verbreiten solle. Und das, obwohl, die Tragödie nicht nur einzelne Opfer, sondern – eine ganze Generation bedrohte.

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Ich wollte mit meinen Fotografien diese Mauer des Schweigens zerstören und über die leidenden und sterbenden belorussischen Kinder berichten, und auch darüber, was in meinem Land nach der Havarie auf dem so leichthin erbauten Atomkraftwerk geschieht. Es war aber gar nicht leicht, da ich in meiner Heimat nicht immer das nötige Verständnis und Unterstützung fand. Viele in Belarus dachten, dass diese Probleme uns nicht mehr beträfen, dass Tschernobyl in der Vergangen-heit läge. „Deine Chronik schadet dem Image des Landes“, – warnten Beamte in Ministerien. „Man sollte nicht alles in finsteren Farben ausmalen. Nicht alle Kinder, die in Belarus sterben, sind Tschernobyl-Opfer“, – warfen Mediziner mir vor. „Auf diesen Fotografien herrscht zu viel Trauer“, sagte man in Museen und Galerien, als man mir Aufnahmen zurückgab. Zeitungen und Zeitschriften stimmten lustlos zu, meine Reportage und Artikel höchstens zum nächsten Jahrestag von Tschernobyl zu veröffentlichen.

Unterdessen befinden sich 3.000 Wohnsied-lungen auf verseuchten Böden. Dort leben heute noch fast zwei Millionen Menschen, eine halbe Million davon sind Kinder. Im Republik-anischen Endokrinologischen Zentrum für Schilddrüsenkrebs werden jährlich 1.000 Menschen operiert. Der bekannte belo-russische Wissenschaftler und Gründer dieses Zentrums, Jewgenij Demtschik, hatte Recht, als er vor den Gefahren der Radioaktivität für die Gesundheit warnte. Fast 100-mal ist die Zahl des Schilddrüsenkrebses bei belorussischen Kindern in der Zeit nach der Havarie gestiegen. Und dabei wurden in der ganzen Zeit vor Tschernobyl nur 8 Fälle diagnostiziert.

Bis heute bewahre ich eine Briefbeichte einer belorussischen Mutter auf. Ich habe ihn nach einer Tschernobyl-Ausstellung, auf der auch eine Fotografie ihrer Tochter gezeigt wurde, erhalten.

„… Meine Tochter Anastassia ist am 6. August 1995 gestorben. Sie war erst 7 Jahre alt. Sie wünschte sich sehr zu leben. Es tut mir weh, wenn ich mich an ihre Worte erinnerte, die sie eine Woche vor ihrem Tod gesagt hatte: „Mutti, und wenn ich plötzlich sterbe? Ich will nicht sterben. Ich möchte groß werden…“ Und jetzt lebe ich mit einem ständigen Schuldgefühl, dass ich sie krank geboren habe. Die Ärzte sagten, Nastja wurde mit angeborener Leukämie geboren. Aber erst jetzt verstehe ich, warum es geschah. Im Frühling 1987, bevor ich schwanger wurde, und im Sommer, als ich schon schwanger war, arbeitete ich in einem Leinen-betrieb. Man brachte Flachsstroh der Ernte von 1986 von den radioaktiven Feldern des Gomeler Gebietes. Und was wussten wir Einwohner des Witebsker Gebietes über Tschernobyl? Ich habe mir keine Gedanken zu jener Zeit gemacht, ich war damals 24 Jahre alt. Woher sollte ich irgendetwas über Folgeschäden wissen? Vielleicht ist meine Nastja auch nicht davon krank geworden, aber ich glaube, dass an allem dieser Tschernobyler Flachs die Schuld hatte. Die Tochter kam ins Krankenhaus mit Metastasen in den Lungen. Ärzte mussten eine sehr starke Chemotherapie verordnen und eine dringende Operation durchführen. Ich habe auf das Beste gehofft, aber kein Präparat war stark genug im Kampf gegen die Zellen des bösartigen Tumors. Wenn mir der liebe Gott bloß Zeit gegeben hätte, hätte ich wahrscheinlich irgendetwas gefunden, um sie zu retten. Aber die Krankheit entwickelte sich schnell und ein paar Wochen später ist meine Tochter „gegangen“. In der letzten Nacht, als sie keine Luft mehr bekam und es ihr sehr schlecht ging, sagte sie: „Und warum bloß bin ich überhaupt geboren worden!“ Und ich rannte im Krankenzimmer herum, sie auf den Armen haltend, und konnte ihr nicht helfen. Mein Leben lang werde ich ihre weitgeöffneten Augen nicht vergessen, die vor Schrecken und Angst angesichts des nahen Todes erfüllt waren. Alle, die kamen, um sich von Nastja zu verabschieden, sprachen davon, dass Nastenjka sie anschaute, als ob sie um Hilfe gebeten habe und sie nicht allein zu lassen. Auf ihrem Gesicht blieb ein Ausdruck tiefer Trauer, ein Ausdruck des Gefühls der Ungerechtigkeit, als sei es ein Vorwurf an uns, die Lebenden, dass das Schicksal so hart mit ihr umging. Ich danke Ihnen, dass Sie kranke Kinder fotografieren, darüber schreiben und Ausstellungen machen!“

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Aber irgendetwas läuft verkehrt. Immer öfter höre ich, dass Tschernobyl schon Geschichte sei. Man sagt, dass das Atomkraftwerk geschlossen sei, Einwohner seien aus der Zone umgesiedelt worden, welche Gründe gebe es noch zur Besorgnis? Ich wünschte mir sehr, es sei so! Es gäbe kein langes Umherirren durch Krankenhäuser, keine „Todesurteile“ würden verhängt und Eltern müssten ihre Kinder nicht beerdigen. Nur Katastrophen verschwinden nicht auf unseren Wunsch. Tschernobyl lebt und ist weiterhin gefährlich. Es ist noch nicht die Zeit des Zerfalls von Cäsium, Strontium und Plutonium gekommen. Und der zerstörte Reaktor ist heute noch immer eine Gefahrenquelle. Wenn Leute davon reden, dass Tschernobyl sie nicht betrifft, scheint es mir, dass sie einfach dieses Leid nie gesehen haben, das schon tausende belorussische Familien traf, von denen sich der Tod das Leben ihrer Kinder und Enkel geholt hat. Und welche Zukunft erwartet die, die gezwungen sind, in den Risikozonen in Gomel und Mogiljow, Brest und Polessja und sogar in den, weit von Tschernobyl entfernten, Regionen wie Minsk und Grodno weiter zu leben?…

Die Fotografien entstanden in schwerer und langer, fast 15 jähriger Arbeit. Man konnte diese Aufnahmen nicht machen ohne Liebe und Mitleid zu diesen Kindern, ohne Freude für ihre Erfolge und ohne Besorgnis um ihr Schicksal. Und diese Umgebung, in der sie sich lange Monate aufhielten, musste ich so hinnehmen, wie sie war. Beim Verlassen der Krankenhäuser war es unmöglich nicht an diese Jungen und Mädchen zu denken, deren Zustand sehr kritisch war: „Werde ich sie in ein paar Tagen lebend sehen?“ Einfach Zeitzeuge zu bleiben gelang es mir nicht. Ich wollte es auch nicht. Es waren doch nicht einfach nur Gesichter, Tränen, Blicke von Verurteilten, Leiden… Diese Geschichte der tragischen Zeit besteht aus konkreten Menschen. Ich möchte, dass man sich an sie erinnert.

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Text und Fotos in diesem Beitrag wurden von Anatol Kljaschtschuk  für diesen Bericht zur Verfügung gestellt. Weitere Verwendung von Text  und Fotos nur nach Absprache mit Anatol Kljaschtschuk über Paul Koch (paul.koch47@gmx.de)
Beitrag II

Heute ist für mich ein ungewöhnlicher und glücklicher Tag. Ich treffe mich mit einem ehemaligen „Gefangenen“ der Onkologie. Es ist fast 15 Jahre her, seit wir uns zuletzt gesehen haben – seit der Zeit, als ich ihn – mit kahlem Kopf, in eine Wattedecke eingewickelt und an einem Tropf hängend – unter vielen anderen schwerkranken Jungen und Mädchen in der Klinik in Barauljany fotografiert habe. Damals hatte er Leukämie und lag im Sterben. „Tschernobyl-Kinder“ hat man kranke Kinder wie diesen Jungen früher genannt und nennt sie auch heute noch so. Wie viele von ihnen haben diese Räume, von den Qualen der Krankheit entkräftet, nicht mehr verlassen? Dieser aber hatte Glück. Ein Glückskind! Nun traf ich einen ganz anderen Menschen – einen großen, gut gebauten und gut aussehenden Jungen mit Feuer in den Augen – nichts verriet mehr, was er durchgemacht hatte. Er studiert an der Universität in Mogiljow, wird Ingenieur, hat viele Freunde, ist verliebt. Ein ganz normaler Bursche wie alle anderen, einer aus der neuen Generation, dem das Recht gewährt ist, sein Leben selbst zu gestalten. Natürlich freue ich mich über solche Begegnungen, obwohl sie noch nicht sehr häufig sind. In ihnen sehe ich den Sinn meiner vieljährigen Wanderung durch die trüben Krankenhausflure der Krebsabteilungen, in denen Kinder im Sterben lagen. Dutzende und Hunderte… Sie rechtfertigen meine Einmischung in fremde Leben und in fremden Schmerz, in den Bereich, zu dem selbst die engsten Verwandten keinen Zugang haben. Ob ich je gedacht und gehofft habe, dass ein solcher Tag kommen wird? Heute fällt es mir schwer das zuzugeben, aber damals habe ich daran einfach nicht geglaubt.

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Ein kleines Zimmer mit einem Fenster. Vier Betten, neben jedem eine Tropfflasche. Es sind viele Menschen im Zimmer. In jedem Bett liegt ein Kind. Daneben sitzen die Mütter. Im Zimmer ist es unnatürlich still. Die Kinder mit ihren wegen der Hormonbehandlung blassen und geschwollenen Gesichtern und zerstoch-enen Armvenen liegen regungslos da. Die Mütter verfolgen, wie durch die durchsich-tigen Schläuche chemische Lösungen tropfen. An ihrer gebeugten und erschöpften Haltung sieht man, dass sie schicksalsergeben und müde sind. Angstvolle und schwere Gedanken, die man unschwer an ihren traurigen und verweinten Augen ablesen kann, gehen ihnen durch den Kopf. Die Hoffnung, selbst die letzte, gibt ihnen Kraft. Sie haben sich darauf eingestellt, so lange zu warten wie nötig. Dies gehört zur Urbestimmung der Mutter. Das gleiche Bild sah ich auch im Nachbarzimmer, hinter der Wand, und im nächsten und auch in den gegenüberliegenden Räumen.

Inzwischen begannen die Chirurgen im Operationssaal mit der Entfernung der Niere bei einem dreijährigen Jungen… Dies sind zum Sterben verurteilte Kinder. Verurteilt durch etwas Unbekanntes und Unsichtbares. Die Ärzte kämpfen um das Leben dieser Kinder so gut sie es nur können, und die Mütter hoffen auf ein gütiges Schicksal. Einmal wurde ich ungewollt Zeuge, wie eine junge Mutter ihre kleine Tochter küsste, und dem Arzt nicht glauben wollte, dass die Lebenstage des Mädchens gezählt seien. Diese Familie aus einem entlegenen Tschernobyl-Dorf in diesem schlecht ausgestatteten Zimmer des alten Krankenhauses wurde für mich zum Symbol eines ungebrochenen und unbezwingbaren Glaubens in der Konfrontation mit dem Leid von Tschernobyl. Dieses kleine Mädchen war erst zwei Jahre alt – genauso alt wie die Tschernobyl-Katastrophe.

Unglaublich und unbegreiflich entwickelte sich die Lage in Belarus nach Tschernobyl. Zehn Jahre lang wurden in dem Land, in dem 70 Prozent der radioaktiven Wolke niederge-gangen sind, Menschen mit Schilddrüsenkrebs nicht als Opfer der Atomkatastrophe anerkannt. Auch nicht die kranken Kinder, welche vor oder nach dem GAU geboren wurden. Die Gesellschaft musste erst noch ihr Recht auf Gerechtigkeit und Wahrheit erkämpfen. Und sie erkämpfte es geduldig und unter Schmerzen. Von anderen Krankheiten war überhaupt nicht die Rede. Die onkologischen Einrichtungen waren überfüllt. Heute sind wir etwas aufgeklärter und fürchten uns nicht, über die negative Auswirkung der Strahlung auf die Gesundheit des Menschen zu sprechen.

Damals aber wurde der Tschernobylfaktor absichtlich nicht berücksichtigt. Nicht nur einzelne Opfer, sondern eine ganze Generation wurde bedroht. Die ersten unschuldigen Opfer dieses Krieges waren Kinder. Wie kann man das spüren, wissen und sehen und dabei so tun, als ob nichts sei…

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Das Belarussische Zentrum für Schilddrüsenkrebs, das kurz vor der Tschernobyl-Katastrophe gegründet wurde, ist auch 20 Jahre danach mit Patienten – Kindern und Erwachsenen – gefüllt. Der Leiter und Gründer des Zentrums Dr. med. Jauhen Dzjamidtschyk hat als einer der ersten in Belarus vor dem schädlichen Einfluss der Tschernobyl-Strahlung auf die Gesundheit des Menschen gewarnt. In der Zeit nach Tschernobyl stieg die Zahl der an Schild-drüsenkrebs erkrankten belarussischen Kinder um das Fünfzigfache. Wurden inner-halb der 13 Jahre vor Tschernobyl nur 8 derartige Fälle registriert, so waren es in den 13 Jahren danach 726. Nach wie vor sind junge Menschen unter 35 besonders häufig betroffen.

Das Mädchen Nadseja Klimowitsch wurde zwei Jahre nach Tschernobyl geboren. Mit sieben Jahren diagnostizierten die Ärzte bei ihr ein Hirnödem und das Mädchen wurde in die Hämatologieabteilung in Minsk eingeliefert, wohin Kinder mit der Diagnose Leukämie aus ganz Belarus kamen. Die Behandlung war schwierig und langwierig – das Mädchen musste ein ganzes Jahr im Krankenbett verbringen. Als sie weder lesen noch schreiben konnte, hörte sie hier zum ersten Mal die ungewöhnlichen und unverständlichen Wörter: Tschernobyl, Strahlung, Strontium, Schilddrüse, Punktion, Biopsie, Krebs, Chemo-therapie, Intensivstation… Die Mutter war immer bei ihr. Aus irgendeinem Grunde aber wollte sie dem Mädchen nicht erklären, was diese Wörter bedeuteten. Die Mutter sagte auch nicht, warum Nastja, die Nachbarin aus dem Krankenzimmer, ohne sich zu verabschieden „nach Hause“ gefahren war. Am Tag zuvor noch hatten sie auf dem langen Flur miteinander gespielt und Puppen getauscht, aber gesagt hatte sie nichts. Und Witalik, der gleichaltrige Junge aus dem Nebenzimmer, ist auch verschwunden. Gestern fuhr man ihn auf dem Rollbett davon und danach hat sie ihn nicht mehr gesehen. Sie sah aber Nastjas Mutter, die weinte und ihr Gesicht in den Händen vergrub… Ganz schlecht wurde Nadseja dabei. Sie drückte sich noch enger an ihre Mutter. Die Anwesenheit der Mutter trug zur schnelleren Genesung des Mädchens bei. Glücklich kehrten sie nach Hause zurück – kein Tumor und keine Metastasen, die Befunde waren gut. Sie träumten, dass Nadseja endlich in die Schule gehen würde, freuten sich auf das Wiedersehen mit der Straße, dem Haus, der Verwandtschaft. Aber die Freude war nicht von langer Dauer, bald kam es zu einem Rückfall, der Zustand verschlechterte sich schlagartig und wieder musste sie dringend nach Minsk. In das bekannte Krankenhaus, auf die Intensiv-station… Diesmal waren die Anstrengungen der Ärzte erfolglos.

Der Tod von Nadseja ergänzte die tragische Liste der Krebsopfer und verfestigte im Bewusstsein den Gedanken, dass wir in einem Land der sterbenden Kinder leben. Noch viele werden wie die kleine Nadseja Opfer der Zivilisation werden. Allein der Gedanke daran ist schrecklich. Denn niemand weiß, wessen Sohn oder Tochter die Nächsten sein werden. Ich konnte dem Abschied von Nadseja nicht fernbleiben und hatte dazu auch moralisch nicht das Recht. Wir waren Freunde, während ihres Aufenthaltes im Krankenhaus hatte ich sie häufig fotografiert. Ich hatte es mit der Zuversicht getan, dass das Mädchen unbedingt gesund werden, ein interessantes und schönes Leben und ein glückliches Schicksal haben würde. Und dass ich sie wiederfinden und wieder Fotos mit ihr machen würde als Beweis für die glückliche Fortsetzung. Die Ärzte haben Nadseja oft Fotomodell genannt und die leichtgläubige Patientin nahm das Lächeln der Menschen in den weißen Kitteln dankbar als Hoffnung auf ihre schnelle Entlassung entgegen. Sie konnte die Tränen ihrer Mutter oft nicht verstehen – warum sagten denn die Ärzte solch schöne Worte… Weder der symbolträchtige tiefsinnige Name des Mädchens – Nadseja heißt auf Deutsch Hoffnung – noch die elterlichen Gebete, noch Bestrahlung und Chemotherapie haben das Mädchen gerettet. Es gab kein Wunder. Die schwere Krankheit bestätigte noch einmal, dass sie unheilbar ist.

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Nicht selten ist mir danach, alles hinzuwerfen. Insbesondere dieses Mal. Ich wollte meine Kamera an die Wand dieser Krebsklinik werfen und schreien wie ein Kranker. Ich wusste aber, dass Nadsejas Tod die Fortführung dieser traurigen Chronik nicht aufhalten durfte. Ich musste der Welt sagen, was mein Land durch die Katastrophe in diesem stümperhaft gebauten Kernkraftwerk erleidet… Und wieder begebe ich mich nach Barauljany – in das in-zwischen in ganz Europa bekannte Onkologie-zentrum, wo Schmerz und Tod, Hoffnung und Rettung einander auf bizarre Art begegnen und nebeneinander existieren. Jedes Jahr werden in Barauljany etwa 300 Kinder mit den verschiedensten onkologischen Erkrankungen des Blutes und des Körpers behandelt. Natürlich wird das Schicksal nicht allen von ihnen das Glück des Überlebens bescheren. Nicht alle von ihnen haben die gleichen Chancen, aber jeder hat hier die Möglichkeit zu kämpfen, etwas zu riskieren und etwas zu versuchen. Diese Klinik ist wie ein Schlachtfeld, auf dem ein unaufhörlicher, manchmal aber aussichts-, hoffnungs- und erfolgloser Kampf geführt wird. Solange jedoch die Mutter glaubt, hofft und betet, setzt sich dieser ungleiche Kampf fort. Ich würde den Tschernobyl-Müttern ein Denkmal setzen, den Müttern, die mutig diesen qualvollen Weg mit ihren todkranken Kindern durchleiden.

Unterdessen leben in den radioaktiv verseuchten Gebieten weiterhin fast zwei Millionen Menschen. Fast ein halbe Million davon sind Kinder. Das medizinische Register zeugt davon, dass sich in den betroffenen Regionen die Zahl von endokrinen Erkrank-ungen und Erkrankungen des Nervensystems verdoppelt hat. Die Zahl der Erkrankungen der Atmungsorgane stieg um 76 Prozent, die des Verdauungssystems um 79 Prozent, angeborene Missbildungen nahmen um 80 Prozent, onkologische Erkrankungen um 27 Prozent und Schilddrüsenkrebs um 30 Prozent zu. Bei 38 Krankheiten ist die Erkrankungs-häufigkeit bei Kindern gestiegen. Die Kinder-sterblichkeit hat sich verdreifacht. Die Be-völkerung in Belarus wächst nicht mehr. Selbstverständlich spiegelt sich in diesen traurigen Zahlen nicht nur Tschernobyl wieder. Die Strahlung war der Katalysator …

Daran, wann im Haus der elfjährigen Natascha zum ersten Mal das Gefühl nahenden Unheils auftauchte, kann sich keiner so richtig erinnern. Es war aber bestimmt nicht, als das Mädchen immer stärkere Schmerzen im Bein spürte: In der großen Bauernfamilie achtet man auf Klagen der Kinder nicht so sehr. Auch nicht, als das Mädchen wegen der Schmerzen in der Nacht nicht mehr schlafen konnte. Man dachte, das sei nur vorübergehend und werde von alleine wieder besser werden. Sie wurde ins Bezirkskrankenhaus gebracht, für alle Fälle gipste man das Bein ein. Vielleicht haben sie sich dann doch aufgeregt und das Unglück geahnt, als ein neunjähriges Mädchen aus der Nachbarschaft an Leukämie starb? Erst im Minsker Notfallkrankenhaus erlitt ihre Mutter einen Schock, als sie hörte, wohin ihre Tochter verlegt wird. Wer in Belarus wusste nicht, was Barauljany bedeutet? Dort wurde auch die schreckliche Diagnose gestellt: Krebs.

Hätte man das Bein gleich amputiert, würde man es heute vielleicht nicht mehr bedauern. Aber welche Mutter würde es nicht riskieren, bis zum letzten zu kämpfen? Zwei Jahre währte der schwere und dramatische Kampf ums Überleben voller Qualen, Leid und Tränen. Und die Onkologen unternahmen alles, was nur möglich war. Zur Zerstörung der Metastasen wurden Chemotherapie und Bestrahlung durchgeführt, Leber und Lungen operiert. Anstelle des kranken Knochenteils im Bein hatte man eine Plastikschiene eingesetzt. Eventuell hätte eine Operation im Ausland, wo die Medizin auf einem viel höheren Niveau ist, Schlimmeres verhindern können, aber wer hätte schon den einfachen und mittellosen Bauern geholfen? Die Beinamputation war unvermeidlich.

Nun ist Natascha ein anderer Mensch. In einem gewissen Sinne hat sie neu zu leben begonnen und sich befreit. Sie musste mit der Prothese neu Laufen, Schwimmen und Fahrrad fahren lernen. Sie musste wieder in die Schule gehen, im Haushalt helfen, sich um die Kleinen kümmern. Mit ihrer Situation hat sie sich abgefunden, mehr noch, sie hat sich hineingefühlt. Und nur selten sieht man in ihrem Gesicht einen schwermütigen Zug. Unüberwindbar blieb nur die frühere Angst vor einer ungewissen Zukunft. Denn über ihre Krankheit wusste sie buchstäblich alles. Nicht nur wegen ihrer fünfjährigen Erfahrungen in Barauljany. Sie wusste auch, dass in der letzten Zeit mehrere Personen aus ihrem Dorf an Krebserkrankungen gestorben waren. Und wer kann ihr sagen, was jetzt mit ihr und den anderen geschieht? Sie weiß nur eins – vor Tschernobyl gab es so etwas nicht. Und wenn dies nur den Menschen zustoßen würde! Auf der Kolchosenfarm in ihrem Dorf erkrankte eine ganze Herde Milchkühe an Leukämie. Und auch die Kälber, die sie zur Welt bringen, sind krank…

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Ich frage mich schon lange nicht mehr, wozu diese ganze schreckliche Chronik des Leidens und Sterbens der Kinder gut ist, ob es sich lohnt, sie fortzuführen, ob nicht bereits genug darüber gesagt und geschrieben, und genug fotografiert worden ist. Zunächst habe ich mir, als man mich mit all den Fragen „plagte“, ab und zu überlegt, ob man nicht tatsächlich „den Kurs ändern“ sollte, denn vom Traurigen hatte man wirklich genug. Aber die Gesellschaft entwickelt sich irgendwie sonderbar. Viele meinen schon, dass Tschernobyl der Ver-gangenheit angehört. Aus den um das unglück-selige Kernkraftwerk gelegenen Gebieten wurde die Bevölkerung ausgesiedelt, welche Gründe kann es also noch für Aufregung und unverhältnismäßige finanzielle Aufwendungen geben? Das stimmt auch. Die Leute, die so denken, scheinen aber mit dem Leid, das Tausende von Kindern und ihre Eltern heimgesucht hat, nicht konfrontiert worden zu sein. Natürlich ist es nach 20 Jahren nicht mehr aktuell, in der evakuierten Zone, die von Plünderern völlig ausgeraubt und durch Brände geschwärzt ist, nach den Tschernobylfolgen zu suchen. Tschernobyl lebt aber bereits in unseren Körpern, in unserem Blut und in unseren Knochen. Unser Sinnen und Trachten in Bezug auf Tschernobyl sollte sich auf das Problem der körperlichen Verfassung der Bevölkerung im Lande, das Problem der Gesundheit des Einzelnen und der ganzen Nation konzentrieren. Die menschenleere Zone, ob einem das gefällt oder nicht, wird lange noch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich selbst besuche diese Gebiete ab und zu auf der Suche nach eigentümlicher Exotik und Nervenkitzel. Die Zone bleibt Symbol für die größte Katastrophe, sie ist aber nicht das erste und nicht das wichtigste Zeichen dieser Katastrophe. Sie ist zwar der sichtbare Teil der Tragödie, aber es gibt einen anderen Teil, der aufgrund seiner zeitlichen Distanz nicht mehr für alle erkennbar ist.

Und ich weiß, wonach ich hinter dieser unsichtbaren Wand suche, die uns, die Gesunden und Glücklichen, die wir weder Traurigkeit noch Leiden kennen, von den-jenigen trennt, die bereits an den äußersten Rand der unheilvollen Todesgrenze ver-schlagen wurden. Ich weiß, was ich durch diese Fotos, auf denen Kinder, Patienten der medizinischen Forschungs-einrichtungen, ab-gebildet sind, sagen will, warum ich so viele Jahre in den Augen der Mütter den Vorwurf sehe, dass ihre Kinder „abgeschrieben“ sind, und warum ich mich schuldig fühle. Keiner hat mich gezwungen, das zu tun, keiner hat mich darum gebeten oder es mir befohlen. Es hat mir auch niemand verboten. Warum ist es aber so wichtig, dies zu wissen, zu sehen, zu fotografieren und anderen zu zeigen? Fotos, aufgenommen in den onkologischen Einricht-ungen, rufen statt positiver Gefühle Unruhe und Bangigkeit hervor und provozieren viele neue schwierige Fragen, eine davon kommt immer: Ist das wegen Tschernobyl? Selbst zwei Jahrzehnte reichten nicht aus, um die Frage, was mit uns geschieht, was uns in der Zukunft erwartet, genau zu beantworten. Und wo ist jene Grenze, hinter der es kein Tschernobyl mehr geben wird?

Text und Fotos in diesem Beitrag wurden von Anatol Kljaschtschuk  für diesen Bericht zur Verfügung gestellt. Weitere Verwendung von Text  und Fotos nur nach Absprache mit Anatol Kljaschtschuk über Paul Koch (paul.koch47@gmx.de)
 

 

 

 

 

 

 

Im Windschatten von Tschernobyl

dscf4786  Dr. Benno Dalhoff

  • *1951 in Ense-Bremen, Kreis Soest
  • Studium der Biologie und Chemie
  • Promotion im Bereich Didaktik der Biologie
  • Lehrtätigkeit am Gymnasium
  • Lehraufträge an der Universität Dortmund
  • Vorträge auf Kongressen und Symposien
  • Moderator der Lehrerfortbildung ‘Umwelt- und Naturschutz vor Ort‘ der BR Arnsberg
  • mehrere Jahre kommissarischer Leiter des Referates Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik und Neue Technologien am Landesinstitut für Schule und Weiterbildung des Landes NRW
  • Aufbau eines Moderatoren-Zentrums für Lehreraus- und -fortbildung im Bereich Ökologie und Umwelterziehung an der Universität Belgorod, 400 km südöstlich von Tschernobyl (1994 – 2000)
  • Mitarbeit an einem Lehrwerk für die Lehreraus- und fortbildung im Bereich Ökologie und Umwelterziehung an der Universität Belgorod
  • Ausbildung von Lehrer*innen als Moderator*innen für die Lehrerfortbildung im neu eingeführten Unterrichtsfach ‘Mensch, Umwelt und Gesundheit‘in Belarus in Kooperation mit der Universität in Minsk im Auftrag des IBB (Internationales Bildungs- und Begegnungswerk) Dortmund
  • im Auftrag des Goethe-Instituts in Moskau Leitung eines Umweltprojektes in Krasnojarsk (Sibirien) zur Anbahnung gemeinsamer Projekte aller dort im Bereich Umwelt und Gesundheit tätigen Institutionen mit Universitäten und Schulen
  • jahrzehntelange Mitarbeit als Vertreter des BUND in verschiedenen Gremien des Natur- und Umweltschutzes: u.a. Ausschuss für Umwelt-, Natur- und Klimaschutz der Stadt Soest, Landschaftsbeirat des Kreises Soest, Kuratorium der Natur- und Umweltschutzakademie des Landes NRW
  • Vorsitzender des Kuratoriums für die Vergabe des Bürgerpreises der Stadt Soest
  • Mitglied der Jury des Förderprogramms ‘Demokratisch Handeln‘ an der Universität Jena
  • zahlreiche Publikationen zur Biologie sowie zu Themen des Natur- und Umweltschutzes
  • 33 Jahre aktive Projektarbeit mit Schüler*innen im Natur- und Umweltschutz (lokal und international)
  • zahlreiche Anerkennungen für diese Arbeit, u.a. Schulpreis Ökologie und Frieden der Günther Altner-Stiftung, Europäischer Jugendumweltpreis, Bruno-H.-Schubert-Preis, Westfälischer Friedenspreis, Europäischer Jugend-Karlspreis sowie Auszeichnungen beim Wettbewerb Jugend forscht
  • Ehrenplakette der Stadt Soest für die Verdienste um den Schutz von Natur und Umwelt in Soest
  • seit 2014 im (Un)Ruhestand

Versuch einer Synthese meiner Leidenschaft für die Kunst mit meiner Passion für den Natur- und Umweltschutz zum Nutzen der Zukunftsfähigkeit unseres Planeten

***

26. April 1986.

Meine Frau und ich befanden uns abends mit unseren beiden kleinen Töchtern auf der Rückfahrt von einer Familienfeier, als wir die ersten Meldungen aus der Ukraine vernahmen. In den darauf folgenden Tagen sickerten dann erst nach und nach die Informationen über das unvorstellbare Ausmaß der Reaktor-Havarie in Tschernobyl und die sich nach Nord (-Westen) ausbreitende radioaktive Wolke durch. Auch in unserer Region, der Soester Börde, führte der parallel dazu einsetzende Regen zu radioaktivem Fallout. In der Sorge um die Gesundheit unserer Kinder ließen wir sie in den Tagen danach – trotz strahlendem Sonnenschein – nicht im Garten spielen. Die Kleinen verstanden das natürlich überhaupt nicht, drückten ihre Nasen an den Fensterscheiben platt und schauten sehnsüchtig zu Klettergerüst und Sandkasten.

Der Reaktorunfall von Tschernobyl mobilisierte viele zu unterschiedlichsten Aktionen. Bei der großen Demonstration vor dem THTR-300 (ThroriumHochTemperaturReaktor-300) in Hamm-Uentrop Anfang Mai 1986 betreute ich – unterstützt von meiner Familie – den Stand des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland). Die unerwartet hohe Zahl der TeilnehmerInnen zeugte von der großen Verunsicherung und der enormen Besorgnis der Bevölkerung. Dazu kam die Wut der Menschen, zumal von der Politik die Strategie der Verharmlosung gefahren wurde, um die Kontaminierung der Umwelt und die daraus resultierenden Gefahren unter den Teppich zu kehren.

Im Nachgang zur Demonstration erfuhren wir dann, dass im Windschatten von Tschernobyl radioaktiver Grafitstaub in die Umgebungsluft gelangt war. Da zu diesem Zeitpunkt aber – angeblich versehentlich!auch noch das einzig vorhandene Messinstrument abgeschaltet worden war, gab es keine Informationen darüber, wie viel strahlendes Material wirklich heraus geblasen worden war. Als im Jahr 2016, also 30 Jahre nach dem Super-GAU, die Strafverfolgung aufgrund von Verjährung unmöglich geworden war, bestätigte einer der damals beteiligten Ingenieure, folgende unglaubliche Vermutung: das Ausblasen war in voller Absicht geschehen, um auf diese Weise störenden Graphitstaub im Reaktor mit der Tschernobyl-Wolke loszuwerden. Rund um das Milliardengrab des THTR-300, der über den Versuchsbetrieb nie hinauskam und 1989 abgeschaltet wurde, nimmt seitdem die Zahl der an Krebs-Erkrankten zu.

Während meines Berufslebens hatte ich 1996 auf einem meiner zahlreichen Arbeitseinsätze in Russland und Belarus die Möglichkeit, verstrahlte Schwarzerde aus Westrussland (400 km südöstlich von Tschernobyl) mitzubringen. Diese Erde wurde in Deutschland untersucht. Es stellte sich heraus, dass selbst zehn Jahre nach dem Super-Gau die radioaktive Belastung dieser Erde, die als das Symbol für Boden-Fruchtbarkeit und als Inbegriff der russischen Kornkammer gilt, extrem hoch war. Durch den radioaktiven Fallout ist aber die Schwarzerde Westrusslands, welche die Grundlage der Ernährung großer Teile der russischen Bevölkerung, aber auch der Nutz- und Wildtiere darstellt, auf unabsehbare Zeit radioaktiv verseucht.

In dieser Situation entstand im Rahmen meines Arbeitsaufenthaltes in der Region Belgorod 1996 das Erdbild ‘La terre du mal – die Erde des Bösen‘, das in der Ausstellung ‘Das Kreuz von Tschernobyl und Fukushima – Der Strich der Natur ist zerbrochen‘ zu sehen ist.

Auf der Basis dieser Erfahrungen war und ist es für mich eine zentrale Aufgabe, nachfolgende Generationen für diese Thematik zu sensibilisieren und bei denen ein kritisches Bewusstsein zu schaffen, die morgen an den Schalthebeln der Macht sitzen und unseren Planeten zukunftsfähig gestalten müssen.

Auf Grund meiner Kontakte zum Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) – für das ich in Belarus zusammen mit der Universität in Minsk Lehrer als Moderatoren für die Lehrerfortbildung im Bereich Mensch, Umwelt und Gesellschaft ausgebildet habe, konnte ich mehrmals SchülerInnen der von mir geleiteten Biologie-Arbeitsgemeinschaft des Conrad-von-Soest-Gymnasiums in den Sommerferien in ein Workcamp nach Belarus vermitteln. Dort bauten sie zusammen mit Jugendlichen aus anderen europäischen Ländern Ökohäuser für Strahlenopfer der Katastrophe von Tschernobyl. Dieser Einsatz war für die Mitglieder der Bio-AG nicht nur eine wichtige Geste der Solidarität, sondern auch insofern eine wertvolle Erfahrung, als dass man auch und gerade als SchülerIn dazu beitragen kann, Europa von unten durch gemeinsame Aktivitäten aufzubauen.

Nach dem Ende meiner beruflichen Tätigkeit, in der ich 33 Jahre mit SchülerInnen aktiv im Natur- und Umweltschutz gearbeitet habe, sah ich die Chance, meine andere Leidenschaft, die der Kunst, im Sinne eines Synergieeffektes in den Dienst des Schutzes von Natur, Mensch und Umwelt zu stellen.

Beide Arbeitsbereiche sind für mich ähnlich faszinierend, da sie zahlreiche Möglichkeiten bieten, an der Zukunftsfähigkeit unserer Erde mitzuarbeiten.

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Strengstens verbotene Umwelt-Untersuchungen in Russland  –  nicht erst nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl

In Kooperation mit der Universität in Belgorod (400 km südöstlich von Tschernobyl) baute ich zwischen 1994 und 2000 im Auftrag des Ministeriums für Schule und Weiterbildung NRW ein Moderatoren-Zentrum für Lehreraus- und fortbildung im Bereich Ökologie und Umwelterziehung auf. Bei unseren zahlreichen Exkursionen und Expeditionen bis tief hinein in die Steppe führten wir auf meinen Wunsch hin auch Radioaktivitätsmessungen durch. Da diese – genauso wie Gewässeruntersuchungen – strengstens verboten waren, konnten wir sie nur illegal durchführen. Daher konnte ich auch die Untersuchungsergebnisse nicht verschriftlichen und musste mich auf mein Gedächtnis verlassen.

Das Bild, das sich hier bot, war in jeder Hinsicht erschreckend. Da in einem so riesigen Land wie Russland mit seinen unendlichen Weiten die bei uns hoch aktuelle Flächen-Problematik überhaupt kein Thema war, fanden sich im Umkreis größerer Städte Umweltprobleme, wie z.B. wilde Müllkippen selbst in landschaftlicher Idylle, Verschmutzung von Gewässern und die damit verbundene Trinkwasserproblematik.

Aber auch auf dem Lande zeigten sich im Umfeld von Schweinezuchtbetrieben mit oftmals mehr als 100.000 Schweinen natürlich enorme Probleme mit dem Grundwasser wegen der Unmengen anfallender Gülle, die ‘einfach den Bach runter ging‘. In den betroffenen Gebieten war daher wegen der hohen Nitratbelastung und der damit verbundenen Gesundheitsgefahren – wie z.B. Cyanose-Gefahr bei Säuglingen – die übliche Wasserversorgung über Trinkwasserbrunnen nicht möglich. Daher musste die Landbevölkerung mit Trinkwasser aus Tankfahrzeugen versorgt werden.

1996, d.h. zehn Jahre nach dem Super-GAU, zeigten sich bei unseren Radioaktivitätsmessungen vor Ort immer noch stark erhöhte Becquerel-Werte. Wir konnten diese sowohl in Früchten und Gemüse als auch in der Schwarzerde, nachweisen. Der Fallout nach dem Super-GAU von Tschernobyl hatte die Schwarzerde Westrusslands, die als Inbegriff der russischen Kornkammer und Symbol der Bodenfruchtbarkeit gilt, auf unabsehbare Zeit radioaktiv verseucht.

Meine im Labor durchgeführte Untersuchung von illegal ausgeführter Schwarzerde bestätigte die schon vor Ort ermittelte stark erhöhte radioaktive Belastung.

Auch heute noch, 31 Jahre nach Tschernobyl, weist diese Schwarzerde, aus der ich die Assemblage La terre du mal (Die Erde des Bösen) 1996 im Belgoroder Gebiet angefertigt habe, im Vergleich zur natürlichen Strahlenexposition von 0,1 µSv/h (Mikro-Sievert pro Stunde) am Messort Soest etwa das 4fache, also 0,4 µSv/h auf.

Dieses Erdbild ist in meiner anlässlich der Super-GAUs von Tschernobyl und Fukushima konzipierten Ausstellung ‘Das Kreuz von Tschernobyl und Fukushima – Der Strich der Natur ist zerbrochen‘ zu sehen.

Keine Geräusche…

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Klaudzija und Adam Varanets

Klaudzija Varanets  * 1958 im Gebiet Gomel / Adam Varanets  * 1953 im Gebiet Gomel

Adam und Klaudziya Varanets  lebten in Ostrogliady, 25 km vom Reaktor entfernt. Sie arbeiteten als Lehrer/Lehrerin und mussten von Mai bis September 1986 ihr Dorf dekontaminieren. Im September wurden sie – nach dem gescheiterten Versuch der  Dekontamination – umgesiedelt.

(Übersetzerin: Svetlana Margolina)

***

Keine Geräusche,

          weder das Summen der Bienen,

                    noch das Zwitschern der Vögel.

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Klaudzija Varanets

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Ich werde nie den Augenblick vergessen, als ich am Tag nach dem Unglück morgens das Fenster öffnete und nichts hörte. Von draußen kam einfach nichts: Keine Geräusche, weder das Summen der Bienen, noch das Zwitschern der Vögel.  Und so war es auch am nächsten und am übernächsten Tag. Nichts.

Jedes Jahr um diese Zeit wurde in Bragin unter dem Motto „Hoffnungsträger am Start“ ein Sportturnier für Kinder veranstaltet. Auch am 28.04.1986 wurde der Wettkampf nicht abgesagt. An diesem Sonntag kamen die Sechst- und Siebtklässler aus dem ganzen Landkreis ins Stadion. Es war heiß. 28 – 30 Grad. Die Kinder hatten Nasenbluten und fielen in Ohnmacht. Wir dachten, es sei wegen der Hitze. Im Bus, unterwegs nach Hause, erfuhren wir von anderen Fahrgästen, dass sich im Atomkraftwerk ein Unfall ereignet hatte, 25 km von unserem Dorf entfernt. Doch wir fürchteten die Radioaktivität nicht besonders, weil wir keine Ahnung hatten, was das eigentlich bedeutete. Wir freuten uns über die Abkühlung durch den Regen, wurden bis auf die Haut nass und unsere Kinder spielten in gelben Pfützen im Hof. Tschernobyl ist in uns allen – über Nacht wurden wir zu Tschernobyl-Menschen. Die Behörden schwiegen – die Mediziner sagten auch nichts. Am 29. April sagte uns der Physiklehrer, dass wir die Fenster schließen, keine Wäsche mehr draußen aufhängen und das Gemüse in Plastiktüten einpacken sollten. Am nächsten Tag sollten wir evakuiert werden, die Stimmung war angespannt. Um 18:00 Uhr erhielten wir dann einen Anruf vom Kreisexekutivkomitee, das alles in Ordnung sei und die Evakuierung ausfiele. Wir waren glücklich und erleichtert, lagen uns in den Armen.  Doch 24 Stunden später wurden alle Kinder in ein Pionierlager bei Gomel geschafft, die Eltern blieben zurück im Dorf, und wir Lehrer mussten bei der Dekontaminierung der Schule helfen. Wir trugen die obere Bodenschicht ab, aber es half nichts, und ab September wurden wir alle ausgesiedelt.

Heute haben wir uns an das Wort Tschernobyl gewöhnt: Tschernobyl-Gebiet, Tschernobyl-Umsiedler, Tschernobyl-Kinder. Vor unserem ganzen Leben steht jetzt „Tschernobyl“ als Vorsilbe. Nach der  Umsiedlung fingen die heftigen Schmerzen in den Beinen an. Ich konnte zwei Monate lang nicht gehen. Die Ärzte meinten, es komme vom Stress. Inzwischen sind 29 Jahre vergangen und alles scheint vergessen zu sein – wenn es die Krankheiten und die Schmerzen nicht gäbe.

Adam Varanets

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Adam Varanets nach der Umsiedlung im Dorf Utj

Die ersten Gerüchte über die Explosion  erreichten unser Dorf einen Tag nach dem Unfall. Die Dorfbewohner, die im Kraftwerk arbeiteten, erzählten uns davon. Ich glaubte diesen Gerüchten zuerst nicht, denn im Radio und Fernsehen wurde nichts darüber berichtet. Eine kurze Meldung kam erst vier Tage nach der Explosion. Dabei wurde betont, dass die Situation unter Kontrolle sei und die Menschen nichts zu befürchten hätten. Das Alltagsleben im Dorf blieb also zunächst unverändert. Doch eine Woche später überkam uns das Gefühl, das etwas Schreckliches geschehen war. Auf der Straße von Choinki nach Bragin fuhren Tag und Nacht ununterbrochen LKW und Militärfahrzeuge. Wir bekamen Angst. Und trotz Verbote brachten die Leute ihre Kinder aus dem Dorf in weit entfernte Orte. Im Dorf wimmelte es vor Militärleuten  und Militärtechnik. Das Wort „Dekontaminierung“ gehörte bald zu unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Im schlimmsten Alptraum konnte ich mir nicht vorstellen, das Dorf für immer verlassen zu müssen. Der Befehl zur Evakuierung im September 1986 stürzte uns in totale Verwirrung. Wir durften nur Dokumente, Geld und Schmuck mitnehmen. Damals waren wir acht Jahre verheiratet und durch mühsame Arbeit hatten wir die ersten wichtigen Anschaffungen machen können. Alles mussten wir zurücklassen. Es fiel uns schwer, uns an das neue Leben im Gebiet Gomel zu gewöhnen. Man nannte uns die „Tschernobylzy“, die Leute aus Tschernobyl. Wenn wir in den Dorfladen gingen, begegneten uns dort schiefe Blicke. Aber das schlimmste war die Todesangst, die uns nicht los ließ. Oft hörten wir, dass unsere Bekannten schwer erkrankten oder starben.

***

Auszug aus dem Pressebericht vom 07.04.2016 / Online-Zeitung  „NAVINI.BY“:

1986 wohnten wir, Klaudzija und Adam Varanets. im Dorf Ostroglyady, Kreis Bragin, Gebiet Gomel, Belarus, 20 Km Luftlinie vom AKW Tschernobyl  und arbeiteten als Lehrer in der Schule.

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1986. Klaudzija und Adam Varanets im Dorf Ostroglyady

Das Dorf hatte damals 1000 Einwohner. Die Tochter war 5, der Sohn 7 Jahre alt. Die ersten Gerüchte über Explosion im AKW Tschernobyl  erreichten unser Dorf einen Tag nach der Explosion, denn einige Dorfnachbarn arbeiteten dort und erzählten uns davon. Wir glaubten zuerst diesen Gerüchten nicht, denn im Radio und Fernsehen wurde nichts darüber berichtet. Eine kurze Meldung kam erst 4 Tage nach der Explosion. Nur der Kollege, der Physiklehrer, hat gesagt dass es sehr gefährlich sei und man die Kinder retten solle. Aber die Schulchefs haben befohlen, keine Panik unter der Bevölkerung zu verbreiten. Am 28.04 brachte Klaudzija die Sechst-und Siebtklässler nach Bragin zum Wettbewerb unter dem Motto „Hoffnungsträger am Start“. Am Stadion waren Kinder aus dem ganzen Kreis, es war ungewöhnlich heiß, 28-30 Grad. Die Kinder hatten Nasenblutungen und fielen in Ohnmacht. Wir dachten, dass es wegen Hitze ist.

Klaudzija stammte aus dem Gebiet Grodno, unweit der polnischen Grenze. Klaudzija wollte ihre  Mutter anrufen und ihr sagen, dass sie die Kinder zu ihr bringt. Aber man durfte die Telefonleitung auf der Post nicht benutzen. Zu Hause gab es damals keine Telefonleitung. Dann hat die Telefonistin ihr doch erlaubt, ein Zweiminutengespräch zu bestellen. Die Mutter hat sich gewundert und hinzugefügt, dass man  eben im Fernsehen berichtet habe, dass die Radioaktivität unter Kontrolle sei und dass sogar ihr Dorf gezeigt wurde. Aber Klaudzija  hat  die Kinder weggebracht. Die Erwachsenen mussten aber im Dorf bleiben. Wir beschäftigten uns den ganzen Sommer mit der Dekontaminierung, wuschen Dächer, trugen die  obere Bodenschicht ab. Für diese Arbeit wurden wir als „Liquidatoren“ mit Medaille und Ausweis ausgezeichnet.

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Klaudzija und Adam Varanets ausgezeichnet als Liquidatoren

Aber die wochenlange Arbeit half nichts. Im September wurde das Dorf evakuiert.  Wir durften nur Dokumente, Geld und Schmuck mitnehmen.  Damals waren wir schon 8 Jahre verheiratet und haben unsere ersten Anschaffungen gemacht. Aber wir mussten alles dort zurücklassen. Wir haben ein Einfamilienhaus im Dorf Utj bekommen, im Kreis Dobrusch, Gebiet Gomel. Die Straße wo wir wohnen, trägt den Namen Ostrogljadskaja, nach unserem Dorf benannt. 25 Familien aus unserem Dorf  wohnen jetzt hier, die anderen sind überall verstreut.

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Das neue Haus mit Adresse. Die Straße wurde nach ihrem verlassenen Dorf benannt

Vor der Katastrophe hatte Klaudzija keine Krankenkarte in der Ambulanz, kurze Zeit danach bekam sie mehrere Krankheiten: Schlaganfall, Schilddrüsenerkrankung, Magenprobleme. Die Tochter bekam Krebs. Voriges Jahr hatte sie zwei Operationen und Chemotherapie. Sogar die Enkelin mit 5 Jahren hat Diagnose „Arthritis“. Nach der Havarie in Tschernobyl hatten die Menschen weniger Angst vor Behörden.  Adam erzählt, dass er einmal im Bus fuhr und die Leute unterhielten sich laut über ihre Probleme nach Tschernobyl. Ein Mann sagte laut, dass man gegen Behörde nicht sprechen darf. Die Anderen haben ihm geantwortet: „Wir sprechen so, wie es war und ist, und haben keine Angst mehr.“

Adam beteiligte sich an der oppositionellen Arbeit, 2006 war er an der Präsidentenwahl sehr aktiv und es wurde ihm gekündigt. Vor der Rente wurde er arbeitslos. 2 Jahre später wurde auch Klaudzija entlassen. Sie war die beste Lehrerin des Kreises. Der KGB Mann des Kreises wollte dass Adam die Anderen denunziert, aber er hat das nicht gemacht und zog den Unmut des KGB auf sich. Was dem KGB auch nicht gefiel, war die Begleitung und Betreuung  von Tschernobylkinder –  Gruppen nach Deutschland Italien und der Schweiz. Der Kreis-KGB-Mann hat die Leute im Dorf gefragt, ob Familie Varanets Geld von ihnen verlangt habe, damit ihre Kinder zur Erholung ins Ausland geschickt werden können. Aber es waren alle sozialschwache Familien und alle haben das verneint. Offensichtlich suchte der KGB nach Korruptionsvorwürfen. Die Familie Varanets  hat kurz davor einen Kredit von der Bank aufgenommen, um das Haus zu renovieren, denn sie wussten, wenn sie in Rente gehen, dann werden sie keine Möglichkeit haben, das Geld zu verdienen und zurückzuzahlen. Sie brauchten neue Fenster und neue Türen. Aber plötzlich blieben sie ohne Arbeit und ohne Geld. Und sie mussten den Kredit zurückzahlen. Aber dann haben ihnen  ihre Freunde geholfen, denn sie haben viele gute Freunde. Dagegen machte der KGB immer wieder Schwierigkeiten. Adam wurde gesagt, dass er nicht einmal als Straßenfeger im Kreis angestellt wird. 2005 wurden allen Liquidatoren ihre Vergünstigungen gestrichen. Adam gehört zur Bürgerpartei, die in Opposition zum Regime ist und die  hat ihm ermöglicht, eine Arbeit auf einer Baustelle in Polen zu finden, um sich „über Wasser“ zu halten.

Klaudzija konnte nicht ohne Schule, ohne Kinder leben. Sie war selten zu Hause, immer in der Schule. Sie brauchte  etwa eine Million BLR (50 Euro) monatlich für Arzneimittel, dazu noch die krebskranke Tochter und die Enkelin, die auch oft in Behandlung war. Klaudzija musste mit der Enkelin ins Krankenhaus, denn die Tochter Mascha galt nichts als Behinderte.

Im April 2016 beteiligten sich die beiden an dem Treffen mit dem Papst in Vatikan, als er Audienz für ukrainische und belarussische Liquidatoren gegeben hatte.

Man versucht bei uns die Tragödie von Tschernobyl zu vergessen. Man behauptet, dass bei uns alles in Ordnung ist. Aber das stimmt nicht. Immer mehr Leute erkranken an Krebs, viele Leute in unserem Dorf sind am Krebs  gestorben, viele leiden an  Schilddrüsenproblemen.

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Klaudzija Varanets vor der Schule im verlassenen Dorf.

Die Gegenwart in Tschernobyl ist die Zukunft von Fukushima

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Shinobu Katsuragi

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Die Gegenwart in Tschernobyl ist die Zukunft von Fukushima

Vom August 1986 bis August 1987 war ich (als Austauschstudentin) für ein einjähriges Studium in Mannheim. In der Zeit, in der ich mich in Deutschland aufgehalten habe verschlechterte sich mein Gesundheitszustand dramatisch.

Als sich im April 1986 in Tschernobyl die Reaktorkatastrophe ereignete, war ich noch in Japan, bereitete mich jedoch auf mein Auslandsjahr in Mannheim vor, das ab August für ein Jahr geplant war. Keiner warnte mich damals vor der radioaktiven Gefahr. Ich erinnere mich, dass nur mein Vater eines Tages sagte: „Nimm doch getrocknete Pflaumen mit, die sollen gut gegen Krebs sein.“ Aber diese Bemerkung machte mein Vater eigentlich auch nur zum Spaß. Niemand dachte daran, dass die Katastrophe in den damaligen UdSSR auch in Westeuropa eine Auswirkung haben könnte. In Mannheim lebte ich in einem Studentenwohnheim. Ich lernte viele Leute kennen. Niemand sprach aber von Tschernobyl. Doch einmal, als ich in der Gemeinschaftsküche Spinat putzte, sagte mir eine Studentin: „Iss keinen Spinat. Der ist verseucht.“ Ich verstand die Bedeutung ihrer Bemerkung nicht. Ursula, die mir damals dieses knappe Wort gesagt hat, war in unserem Studentenheim für ihre emanzipierte Lebenshaltung bekannt und sprach oft von gesunder Ernährung. Alle anderen Freunde von mir, mit denen ich meine Freizeit verbrachte, interessierte das Thema Tschernobyl wohl nicht. Nach meinem Studienjahr in Mannheim schloss ich mein Studium in Japan ab. Da war nur noch ein Semester, das ich absolvieren musste. Dann kehrte ich wieder nach Mannheim zurück. Etwa ein halbes Jahr ist wieder vergangen, da trat bei mir eine starke Allergie auf. Ich hatte schon seit meiner Kindheit Pollenallergie, aber nun war meine Allergie so stark, dass ich im Freien meine Augen nicht öffnen konnte, meine Nase und meinen Mund immer vor der Außenluft schützen musste. Sonst schwollen meine Augäpfel so sehr, dass sie mir schrecklich juckten und wehtaten. Außerdem konnte ich kaum atmen: Ich hatte Asthma. In der Uni-Klinik Mannheim diagnostizierte man mir eine Allergie gegen Birken und verschrieb eine Desensibilisierungsbehandlung auf Kosten der Krankenkasse, weil die Symptome lebensbedrohlich waren. Der Arzt sagte damals, die Schleimhaut im Hals kann so weit anschwellen, dass ich dadurch nicht mehr atmen kann, was zu einer Erstickung führen könnte. Zwei Jahre bekam ich die Behandlung, und meine Allergie ist ganz verschwunden. Diese lebensbedrohliche Allergie ist aufgetreten als ich die meiste Zeit in Mannheim war. Außerdem war ich oft bei Stuttgart oder München, wo ich gute Freunde hatte, also dort, wo es nach der Tschernobyl-Katastrophe relativ stark radioaktiv verstrahlt war. Ich verbrachte meine Zeit oft im Freien, wie die jungen Menschen es doch gern tun. Natürlich wusste ich damals nichts davon, dass nach der Tschernobyl-Katastrophe Südwestdeutschland von radioaktivem Niederschlag betroffen war. Alle meine Freunde waren Studenten, sie hatten andere Interesse und Sorge als die radioaktive Gefahr. Aber auch die Eltern meiner Freunde, also Erwachsene sprachen nie davon.

dsc03972  Shinobu Katsuragi in Kyoto, November 2012

Dann, am 11.03.2011, das Erbeben, der Tsunami und die TEPCO-Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima. Einige Wochen nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima besuchte ich zufällig eine Fotoausstellung, die zeigte, dass viele Kinder in Tschernobyl jetzt noch sehr krank sind. Das stärkte mein Verlangen nach mehr Wissen über Tschernobyl / Fukushima und die Folgen der Radioaktivität. Ich war davon überzeugt, dass die Gegenwart in Tschernobyl die Zukunft in Fukushima sein wird.

%e5%b7%9d%e5%b4%8e%e3%81%95%e3%82%93%e3%81%a8  Bei der Fukushima Demo  in Düsseldorf,  März 2014

Zur gleichen Zeit traf ich eine gleichaltrige Frau, Megumi, die unmittelbar nach dem Reaktorunfall von der Präfektur Kanagawa (direkte Nachbar-präfktur südlich von Tokyo) nach Osaka geflüchtet war. Sie erzählte mir, dass die radioaktiven Wolken ihre ohnehin labile Gesundheit kaputt machen würden. Mit Megumi fing ich an, mich für den Atomausstieg und gegen die in Osaka geplante Verbrennung vom radioaktiv kontaminieren Müll aus den betroffenen Regionen zu engagieren. Ich lernte dabei die Hundertwasser-Stiftung in Wien kennen (in der Müllverbrennungsanlage in Osaka, die damals Hundertwasser gestaltete, war die Müllverbrennung von radioaktiv verseuchten Tsunami-Trümmern geplant) und bekam tatkräftige Unterstützung von der Stiftung.

dsc04259   Anti-AKW-Demo in Osaka, Juli 2014

Ich lernte während meiner Aktivitäten viele Mütter kennen, die sich um die Zukunft ihrer Kinder Sorge machten, darunter auch geflüchtete Mütter aus den Tokyo-Regionen und aus Fukushima.  Während meiner Anti-Atom-Aktivitäten erlebte ich aber auch Polizeigewalt gegenüber Zivilisten. Der engstverbündete Mitstreiter von mir und weitere Personen wurden verhaftet. Ein Teil davon wurde sogar verurteilt.

Ich lebte am 11.03.2011 in Osaka, 550 Kilometer westlich von Fukushima. Damals hielt ich mich im Goethe-Institut Osaka auf, auf der 36.Etage im Umeda-Sky Building. Auf demselben Flur befindet sich das deutsche Generalkonsulat.  Das lange heftige Hin-und-Her-Schaukeln im Goethe-Institut Osaka, das ich erleben musste, erinnerte mich sofort an das große Erdbeben in Kobe im Januar 1995, dass ich knapp 50 Kilometer vom Epizentrum entfernt erlebte.  Wie damals beim Erdbeben in Kobe erschütterte mich die Haltung von Menschen, die davon nicht direkt betroffen waren: heuchlerisch, eigentlich gleichgültig und nur schaulustig. Und das Fehlen an Bewusstsein von Menschen, dass man sich nur selbst schützen kann und nicht abwarten soll, bis die Politik etwas anordnet.  Dieselbe Haltung von Japanern zeichnete sich auch nach der Reaktor-Katastrophe in  Fukushima-Daiichi ab.  Ich sah wie Menschen versuchten sich einzubilden, dass sie nicht davon betroffen seien und ich sah wie sich diese Menschen von großen Medien gerne beeinflussen ließen.  Ich sah hingegen, wie die Deutschen in Japan reagierten, dass der Botschafter Tokyo verließ, und sich alle Mitarbeiter vom Goethe-Institut Tokyo in Sicherheit brachten. Wie sich die Lufthansa-Besatzung ihre Flüge nach Tokyo weigerten, und nur noch nach Seoul (Korea) flogen. Ich verstand, dass es dort zwei Wahrheiten gab und fing an, an die deutsche Wahrheit zu glauben. Um meinen Glauben zu untermauern, las ich in kürzester Zeit mehrere Fachbücher. Mein Glaube wurde zu meiner Überzeugung.

dsc04364  Hiroshima-Demo in Dortmund, August 2014

 Zu Hause wurde ich damit konfrontiert, dass in der eigenen Familie der Unfall von Fukushima gleichgültig war, dass meine Mutter Gemüse aus der betroffenen Region kaufte, wegen der billigen Preise. Die Fukushima-Lebensmittel gab sie ihrer eigenen Enkelin zu essen. Selbst für meine Schwester, die Krankenschwester ist, sind die Gesundheitsfolgen durch die Radioaktivität egal.

shinobu   Pfingstjugendtreffen in Gelsenkirchen, Mai 2015

Damals lernte ich Deutsche kennen, insbesondere Mitglieder vom IPPNW, die sich nicht scheuten, auf eigene Kosten nach Japan zu kommen, um Menschen vor der Gefahr der Radioaktivität aufzuklären, so wie sie es auch damals nach Tschernobyl getan haben.

dsc05376  In Gelsenkirchen (ZOOM), Juli 2014

In der Schule, wo ich Deutsch unterrichtete, musste ich zusehen, dass die Schule Busse organisierte, mit denen freiwillige Schüler in die benachbarte Region von Fukushima fuhren, um dort freiwillige Hilfsaktionen durch-zuführen. Um weitere Fahrten zu verhindern, organisierte ich Infoveranstaltung für die Lehrer und Schüler. Als Referent erklärte sich ein Japaner bereit, ein Arzt, der selbst aus der benachbarten Präfektur von Fukushima mit der ganzen Familie geflüchtet war. Ich wurde zur Mitorganisatorin einer Kindererholung für Kinder aus Fukushima, damit sich meine Schüler, statt vor Ort bei Fukushima, in Osaka engagieren konnten. Die Ahnungslosigkeit von den Schülern, die sehr engagiert bei dieser Kindererholung mitgeholfen haben, war ein weiterer Schock für mich. Die Schüler wussten nicht einmal, dass ihre eigene Region von sehr vielen Atommeilern umgeben ist, und dass die Kinder aus Fukushima deshalb nach Osaka zur Erholung kommen müssen, weil die Radioaktivität ihrer Gesundheit schadet. Das komplette Fehlen an Denk-Vermögen, an Phantasie-Vermögen bei jungen Japanern war ein großer Schock für mich.

dsc05391  IBB-Konferenz in Geseke, Oktober 2015

Irgendwann wurde es genug für mich und ich sehnte mich nach meinen Freunden in Deutschland, die sich so sehr für Fukushima engagieren. Außerdem fürchtete ich mich nun vor weiteren anzunehmenden Erdbeben in Japan, die auch Osaka bald treffen sollten. Die Gleichgültigkeit von meinen nächststehenden Menschen über die Folgen des Reaktorunfalls machte mir genauso große Angst, wie meine Angst vor dem nächsten großen Erdbeben. Japan ist nicht mehr meine Heimat, in der ich mich wohl, gut aufgehoben und sicher fühlen kann. Die Illusion, Japan mache alles richtig, auf Japaner sei Verlass, woran ich schon immer gezweifelt hatte, ist nun verschwunden.

So entschied ich mich mit meinen Ehemann, der meine Meinung weitgehend teilte, Japan zu verlassen und in Deutschland ein neues Leben aufzubauen.

Mittlerweile sind sehr viele von meinen damaligen Mitstreiterinnen und Mitstreitern ebenso ins Ausland ausgesiedelt. Viele nach Neu Seeland und einige nach Europa, natürlich darunter einige auch nach Deutschland wie ich selbst. Ich lebe jetzt in Mülheim an der Ruhr. Ich bin immer noch im Kontakt mit meinen damaligen Mitstreiterinnen und Mitstreitern, und mache mich zusammen mit meinen deutschen Mitstreiterinnen und Mitstreiter für den weltweiten und sofortigen Atomausstieg stark.

dsc05522 Beim IPPNW-Kongress in Berlin, Februar 2016

Ich verfolgte aufmerksam, was in den letzten Jahren in Deutschland passiert und wie die Menschen mit Problemen umgehen, und fühle mich in meinem Entschluss bestätigt, hierhergekommen zu sein.

Messungen im Harz

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Jürgen Menge

Ich war Lehrer und unterrichtete u.a. Physik (in den 10. Klassen auch Atomphysik). Ich bin verheiratet und Vater von zwei Kindern, die damals 4 und 5 Jahre alt waren.

Die schlechte Information der Bevölkerung nach Tschernobyl hat mein Vertrauen in die Arbeit der zuständigen Behörden erschüttert. Seit dem habe ich mich im „Verein für Umweltschutz Herzberg e.V.“ (www.vfu-Herzberg.de) für den Erhalt und die Verbesserung unserer Umwelt engagiert.

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Vor 30 Jahren kam der radioaktive Niederschlag aus Tschernobyl in den Harz

Am 26.04.1986 explodierte in Tschernobyl  der Reaktorblock  eines Atomkraftwerkes. Bis zu diesem Zeitpunkt schien die friedliche Nutzung der Atomenergie beherrschbar. Am 28.04. ergaben Strahlenmessungen  in Schweden und Finnland erhöhte Werte.  Meteorologen  untersuchen die Wettersituation und die Luftströmungen der vorrangegangenen Tage und fanden heraus, dass mit Hilfe der zu dieser Zeit vorherrschenden Luftströmungen Staubpartikel aus der Sowjetunion in den Norden gelangt sein müssen. Die Sowjetunion räumt auf Nachfrage ein, dass es eine Havarie in einem Atomkraftwerk gegeben hatte.  Medien berichten nun auch in der Bundesrepublik über die Vorkommnisse. Am 30.04.1986 erreichen östliche Luftströmungen mit einem Tief den Süden der Bundesrepublik. Einsetzender Regen führt zum deutlichen Anstieg der Radioaktivität im Schwarzwald.  Auch in der Bundesrepublik beginnen die Behörden nun mit Messungen. Bundesinnenminister Zimmermann erklärt am 07.05.1986 im Fernsehen „Wir sehen keine Gefährdung der Bevölkerung.“  In Hessen wurden allerdings Anfang Mai 1986 Spielplätze geschlossen, Freilandgemüse und Milch werden untersucht und erhöhte Radioaktivität gemessen. Die Nachfrage nach Freilandgemüse und Milch bricht ein. Was geschah zu dieser  Zeit in Niedersachsen?

Nach den ersten Meldungen von radioaktiven Niederschlag in Süddeutschland konnte man davon ausgehen, dass die radioaktive Wolke um Niedersachsen und den Harz keinen Bogen macht.  „Anfang Mai, mit dem ersten einsetzenden Regen, habe ich deshalb Staub aus Pfützen eingesammelt und vor das Geiger-Müller-Zählrohr unserer Schule gehalten.  Statt der erwartete etwa 20 Impulse pro Minute Zählte das  Geigerzähler 400 bis 600 Impulse.“  Erklärt Jürgen Menge, damals Lehrer an der Haupt-und Realschule in  Hattorf und zuständig für Atomphysik in den Klassen 9 und 10.  „Ich war überrascht, rief einen Kollegen in Osterode an und bat ihn dort auch Messungen vorzunehmen.  Er bestätigte meine Messergebnisse.“  Für die Bundesrepublik war dies eine bisher nicht  vorgekommene Situation. „Ich sprach mit meiner Frau, einer Kindergartenleiterin in Barbis, über die Messergebnisse und wir  waren uns darüber im Klaren, wenn in Hessen die Spielplätze geschlossen werden, dann müssen wir auch unsere Kinder schützen.“  Familie Menge informierte den Landkreis Osterode am Harz. Dies  hatte keine Konsequenzen. Offizielle Verhaltensvorschläge  gab es nicht. Der zuständige Vorgesetzte der Schulbehörde forderte Herrn Menge auf selber aktiv zu werden.  In einigen Schulen des Landkreises  wurden De- monstrationsmessungen im Physikraum  durchgeführt und einfache Verhaltensregeln zum Aufenthalt im Freien gegeben.  In einigen Kindergärten wurde der Spielplatz geschlossen und die Kinder durften vorrübergehend nicht mehr draußen spielen. Schuhe mussten von den Kindern  vor dem Haus ausgezogen, die Hände nach dem Spielen im Freien gründlicher gewaschen und Nahrungsmittel nicht im Freien verzehrt werden.

„Nach ca. 14 Tagen ging die radioaktive Strahlung  bei den Messungen deutlich zurück.“ Erinnert sich Herr Menge.  Die Kinder durften wieder draußen spielen. In Hessen wird am 14.05.1986  Entwarnung gegeben. Sport und Spielplätze dürfen wieder benutzt werden.

„Ich habe im folgenden Jahr Veränderungen an Pflanzen beobachtet. Zweige an Büschen und wild wachsende  Blumen zeigten Missbildungen.“ Sagt Menge. „Auch Pilze und Wildfleisch waren damals sehr  belastet.“

Ein halbes Jahr später erfährt der Lehrer auf einen Fortbildung für Strahlenschutzbeauftragte in Niedersachsen, dass das Landesamt  am Tag des ersten Regens nach  dem Unfall in Tschernobyl  mit einem Messwagen unterwegs war und erhöhte Radioaktivität gemessen wurde.  Später bestätigen vom Landesamt veröffentlichte Karten, dass im Harz in den ersten Maiwochen die Radioaktivität deutlich erhöht war. Die Bevölkerung in Niedersachsen wurde von offizieller Seite damals nicht über das Ausmaß der radioaktiven Belastung  informiert.

In Pilzen und Wildfleisch werden insbesondere im Süden von Deutschland noch heute die Folgen des radioaktiven Niederschlags von Tschernobyl  nachgewiesen. Die Halbwertszeit von Jod 131 beträgt 8 Tage, die Halbwertzeit von Cäsium-137 jedoch 30 Jahre. Nach 30 Jahren  hat sich die Hälfte des strahlenden Cäsiums in einen anderen Stoff umgewandelt. Deshalb ist die Radioaktive Strahlung aus Tschernobyl nicht nur in Bayern und Baden-Württemberg  noch viele Jahrzehnte vorhanden.